JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
AUGUSTIN MANNERHEIM
LIVSKÄLLA UR DÖDEN SPRUNGEN


10. UR ROMERSKA ELEGIER: [INVOKATION], I, III, VI, XX

    [Invokation]

Hier ist mein Garten bestellt, hier wart ich die Blumen der Liebe,
    Wie sie die Muse gewählt, weislich in Beete verteilt.
Früchte bringenden Zweig, die goldenen Früchte des Lebens,
    Glücklich pflanzt ich sie an, warte mit Freuden sie nun.
Stehe du hier an der Seite, Priap! Ich habe von Dieben
    Nichts zu befürchten, und frei pflück und genieße, wer mag.
Nur bemerke die Heuchler, entnervte, verschämte Verbrecher;
    Nahet sich einer und blinzt über den zierlichen Raum,
Ekelt an Früchten der reinen Natur, so straf ihn von hinten
    Mit dem Pfahle, der dir rot von den Hüften entspringt.



    I.

Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
    Straßen, redet ein Wort! Geuius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
    Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
    Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer,
    Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen,
    Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei; dann wird ein einziger Tempel,
    Amors Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
    Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.



    III.

Laß dich, Geliebte, nicht reun, daß du mir so schnell dich ergeben!
    Glaub es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrich von dir.
Vielfach wirken die Pfeile des Amor; einige ritzen,
    Und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz.
Aber mächtich befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe
    Dringen die andern ins Mark, zünden behände das Blut.
In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinen liebten,
    Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier.
Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,
    Als in Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel?
Hätte Luna gesäumt, den schönen Schäfer zu küssen,
    O, so hätt ihn geschwind, neidend, Aurora geweckt.
Hero erblickte Leandern am lauten Fest, und behände
    Stürzte der Liebende sich heiß in die nächtliche Flut.
Rhea Sylvia wandelt, die fürstliche Jungfrau, der Tiber
    Wasser zu schöpfen, hinab, und sie ergreifet der Gott,
So erzeugte die Söhne sich Mars! – Die Zwillinge tränket
    Eine Wölfin, und Rom nennt sich die Fürstin der Welt.



    VI.

Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert;
    Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten
    Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
    Wird ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens
    Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?
Dann versteh ich den Marmor erst recht; ich denk und vergleiche,
    Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
    Gibt sie Stunden der Nacht mir zu Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküsst, es wird vernünftig gesprochen;
    Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.
Oftmals habe ich auch schon in ihren Armen gedichtet
    Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand
Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer,
    Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust.
Amor schüret die Lamp indes und denket der Zeiten,
    Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.



    XX.

Eines ist mir verdrießlich vor allen Dingen, ein andres
    Bleibt mir abscheulich, empört jegliche Faser in mir,
Nur der bloße Gedanke. Ich will es euch, Freunde, gestehen:
    Gar verdrießlich ist mir einsam das Lager zu Nacht.
Aber ganz abscheulich ists, auf dem Wege der Liebe
    Schlangen zu fürchten, und Gift unter den Rosen der Lust,
Wenn im schönsten Moment der hin sich gebenden Freude
    Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht.
Darum macht Faustine mein Glück; sie teilet das Lager
    Gerne mit mir, und bewahrt Treue dem Treuen genau.
Reizendes Hindernis will die rasche Jugend; ich liebe
    Mich des versicherten Guts lange bequem zu erfreun.
Welche Seligkeit ists! Wir wechseln sichere Küsse,
    Atem und Leben getrost saugen und flößen wir ein.
So erfreuen wir uns der langen Nächte, wir lauschen,
    Busen an Busen gedrängt, Stürmen und Regen und Guß.
Und so dämmert der Morgen heran; es bringen die Stunden
    Neue Blumen herbei, schmücken uns festlich den Tag.
Gönnet mir, o Quiriten! das Glück, und jedem gewähre
    Aller Güter der Welt erstes und letztes der Gott!





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